Russlands Sicht auf die Arktis

Источник: эко-портал Klimaretter

От 26.10.11

Die Durchschnittstemperatur in der Arktis hat sich binnen der letzten 20 Jahre im arktischen Winter um drei Grad auf minus 19 Grad Celsius erhöht. Im Sommer stieg die Globaltemperatur um 1,5 Grad auf 5,5 Grad Celsius an. Das ist das Ergebnis des russischen Instituts für Arktis- und Antarktisforschung (AARI).

Aus St. Petersburg Nick Reimer

"Die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen - man muss sich klar machen, was hinter einen solchen Aussage steckt", sagt Alexander Genrich Wasilowitsch. Der Wissenschaftler am russischen Institut für Arktis- und Antarktisforschung (AARI) in St. Petersburg hat eine Weltkarte an die Wand projeziert - mit gelben, roten und dunkelroten Zonen. "Zwei Grad höhere Globaltemperatur bedeutet nicht, dass es überall auf der Erde zwei Grad wärmer wird", erläutert Wasilowitsch. In den gelben Gegenden wird der Temperaturanstieg kaum signifikant spürbar sein, in den roten schon eher, in den dunkelroten dagegen dramatisch.

Dunkelrot ist auch die Arktis eingezeichnet. "Zwei Grad globale Temperaturerhöhung bedeutet, dass es in der Arktis um durchschnittlich 12 Grad wärmer wird", so der Wissenschaftler.

Der prognostizierte Eisrückgang in der Arktis: 2070 könnte die komplette Süd-Ost-Passage eisfrei sein. (Grafik: AARI)

Das ist keine Zukunftsmusik, wie die Arbeiten der russischen Forscher zeigen. Zwischen 1991 und 2011 ist die Durchschnittstemperatur in der Arktis im Winter bereits von minus 22 Grad auf minus 19 Grad gestiegen. Ausgewertet haben die Experten Daten von 41 Wetterstationen aller Arktis-Anrainerstaaten. Die meisten dieser Stationen stehen zwar in Festlandnähe, ein gutes Dutzend liefert ihre Daten aber aus dem Inneren der Arkis.

In den arktischen Sommern fiel der Temperaturanstieg mit 1,5 Grad Celsius zwar nur halb so rasant aus - die Durschnittstemperatur lag 2011 demnach bei 5,5 Grad Celsius. Trotzdem liegen die Temperaturen im ehemals scheinbar "ewigen Eis" schon gefährlich weit über dem Gefrierpunkt.

Angestiegen ist auch die Temperatur des Golfstroms. Die russischen Forscher ermittelten für 2007 einen Höchstwert: "Bis dahin hat sich der Energieeintrag des Golfstroms in das Arktische Meer drastisch erhöht", so Wasilowitsch. Dies sorge zusätzlich für eine Aufheizung des Systems. Zwar stagnierte der Energieeintrag 2008 und 2009 auf hohem Niveau und sank 2010 sogar wieder leicht. Dennoch ist der Einfluss verheerend: "Je größer die eisfreie Fläche ist, um so stärker heizt sich das System auf und um so stärker ist der Schmelzdruck auf das vorhandene Eis."

Etwa 1.000 Mitarbeiter hat das mittlerweile 90jährige russische Polarinstitut, darunter 300 Wissenschaftler. Von seinen Aufgaben ist es etwa mit dem deutschen Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven zu vergleichen. "Wir arbeiten auch mit dem Wegener-Institut zusammen", sagt Alexander Danilov, stellvertretender Direktor des AARI. Beispielsweise betreiben die beiden Partner in St. Petersburg das Otto-Schmidt-Labor für Polar- und Meeresforschung. Benannt nach dem russischen Polarforscher Otto Juljewitsch Schmidt (1891-1956), soll es die wissenschaftliche Qualifizierung von Nachwuchswissenschaftlern vorantreiben.

Das institutseigene Forschungsschiff Akademik Fedorow - hier in der Antarktis unterwegs. (Foto: AARI)

"In den letzten eintausend Jahren ist das Klima relativ stabil gewesen", sagt Direktor Danilov, "sieht man einmal von den letzten 50 bis 80 Jahren ab". Es gebe keinen Zweifel, dass der Mensch das Klima signifikant aufheizt.

Das Institut untersucht aber nicht nur die Erderwärmung an den Polen. Weitere Ziele sind die Erforschung der Verkehrswege in der Arktis sowie der Rohstoffvorkommen auf dem Festlandsockel. "In 30 Jahren wird die westliche Arktis ganz anders aussehen", sagt Danilov - nicht nur wegen der Eisschmelze, sondern auch wegen der Förderung von Rohstoffen, allen voran Erdöl. "Bei der Entwicklung solcher Projekte müssen die Erkenntnisse über den Klimawandel natürlich einfließen", sagt Danilov.

"Die westliche Arktis wird in 30 Jahren ganz anders aussehen"

Anders aussehen wird es dann zum Beispiel auf der Halbinsel Jamal, wo ein neuer Hafen gebaut werden soll. Gazprom, der weltweit größte Gasförderer hatte hier auf der Nordmeer-Halbinsel gigantische Gasfunde geortet - Rohstoff, der auch nach Europa exportiert werden soll. Anfang September hatte der russische Regierungschef Wladimir Putin die 1.224 Kilometer lange Nord Stream-Pipeline durch die Ostsee eingeweiht, die Gazprom zu 51 Prozent gehört.

Finanziert wird das Institut zwar von der Regierung. Gazprom, Shell und Co treten aber immer häufiger als Co-Finanziers auf, und zwar immer dann, wenn es um neue Rohstoffgründe geht. So sind die Arktis-Forscher neuerdings auch in Gegenden aktiv, die keine polaren Temperaturen aufweisen - etwa am Kaspischen Meer.

"Um die polaren Gebiete im Norden Sibiriens entwickeln zu können, sind die Transportwege natürlich enorm wichtig", sagt Jewgeni Uranowitsch Mironov, am Institut für diesen Forschungsbereich zuständig. Nach den Prognosen der Regierung sollen die transportierten Güter von 2.000 Bruttoregistertonnen im Jahr 2005 auf 320.000 Bruttoregistertonnen im Jahr 2015 steigen. Transportiert werden Ausrüstungsgegenstände, Baumaterial und Maschinen.

Noch ist die arktische Nordostpassage - also der 6.500 Kilometer lange Schiffsweg von Murmansk in Richtung Japan - nur in den Sommermonaten eisfrei. Deshalb sind Eisbrecher im Einsatz, um die Routen in den anderen Monaten frei zu halten. Das Polarinstitut hat dafür ein Eisortungssystem Namens LIS entworfen, dass die Stärcke des arktischen Eises misst. Es gibt Eisdicken, die nur durch russische Atom-Eisbrecher zu knacken sind und solche, die selbst für die größten Brecher der russischen Flotte zu dick sind. "LIS hilft, solche Stellen zu erkennen und Alternativrouten zu finden", erläutert Jewgeni Uranowitsch Mironov.

AARI-Expeditionen zu den neuen "Fang-Gründen": Russland steht in den Startlöchern zu einer Rohstoffausbeute der Arktis. (Foto: AARI)

Ein wichtiger Ort im Rennen auf die Rohstoffe ist Dudinka am Ufer des Jenissei. Die kleine 25.000-Einwohnerstadt betreibt einen Seehafen, der das östlich gelegene Industriezentrum Norilsk an die Nordostpassage anbindet. Die Verbindung zum eisfreien Hafen in Murmansk wird deshalb ganzjährig eisfrei gehalten.

Steigende Globaltemperaturen einerseits, wissenschaftliche Erkundung klimaschädlicher Rohstoffe andererseits - ist das mit dem Gewissen vereinbar, Direktor Danilov? Dessen Antwort: "Als Wissenschaftler ist es unsere Aufgabe, Daten zu liefern. Alles andere ist Sache der Politik".

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